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Karl Kollmann


Eine Schweizer Studie bastelt sich Zahlen

- und sofort gefriert das ganze Land


Eine Banken-Studie, eine alarmierende Behauptung und es folgt das Versagen des gesunden Menschenverstandes in Medien, Politik und Wissenschaft. Eine gewohnte österreichische Blamage.

Sie muß PR-mäßig und medial ganz gut verbereitet gewesen sein, sonst hätte sie nicht so eine große Resonanz gefunden, und das Ergebnis wäre nicht so prominent plaziert worden, etwa in der Presse ganzseitig auf der ersten Seite, vgl. Nikolaus Jilch: UBS-Studie: "Österreich sieht alarmierend schwach aus" http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/1281105/UBSStudie_Oesterreich-sieht-alarmierend-schwach-aus (online). Ähnlich der Standard
http://derstandard.at/1345164646657/Reale-Einkommen-Euro-Einfuehrung-Rueckgang-Oesterreich (online).

Bastelarbeit
Die medial heftig genannte UBS-Studie und ihr Autor Paul Donovan – die UBS ist übrigens eine ins Schwarzgeldgerede gekommene Schweizer Bank, man könnte ja fast vermuten, die wollten einen PR-Entlastungsangriff starten - sagen: das reale, verfügbare Einkommen in Österreich ist seit dem Jahr 2000 um bis zu 35 Prozent gefallen. Aber - Die Studie sieht sehr, sehr schwach aus. Sie bastelt sich für das Ergebnis private Verbraucherpreisindizes, also etwas, was als Seminararbeit oder Bachelorarbeit vielleicht sogar für Testzwecke sinnvoll wäre. Aber da müßte man dann natürlich angeben, wie man gebastelt hat, das aber tut die USB nicht.

Aufregung. Und Starre.
Nach der Publikation war Österreich vorerst einmal in einer medialen Schockstarre gefangen. Natürlich gab es sofort den Reflex der rechten Opposition zum Untergang des Abendlands. Nicht nur das längere Schweigen der etablierten österreichischen Institutionen war blamabel, beängstigend ist wohl auch die Naivität der Wirtschaftsjournalisten, welche die USB-Ergebnisse unkommentiert und prominent abdruckten, und sich gegebenenfalls noch über den offiziellen Verbraucherpreisindex mokierten.

Fehlendes wirtschaftliches Basiswissen der Wirtschaftsjournalisten
Eigentlich müßte jeder halbwegs brauchbare Wirtschaftsjournalist die Konsumbudget-Größen der österreichischen Haushalte im Kopf haben.
1999/2000 waren das 2440 Euro im Kalendermonat,
2004/2005 waren das 2540 Euro und
2009/2010 waren das 2910 Euro.
Das sind jeweils nominelle Größen, also Euros (1999/2000 die Schilling in Euro umgerechnet, ok) und es ist der jeweilige Durchschnittswert für „den durchschnittlichen“ Haushalt im Land. In diesen 10 Jahren sind die Konsumbudgets um gut 19 Prozent gestiegen, in den ersten fünf Jahren praktisch um nichts, aber dafür mehr in den zweiten fünf Jahren.

War die Inflation so stark?
Die nominellen Werte sind schön und gut, man muß aber die Verbraucherpreissteigerung berücksichtigen, um „reale“ Werte zu erhalten, genau so wie es die UBS-Studie macht. Wir bleiben aber beim offiziellen Verbraucherpreisindex (VPI). Der beträgt für diese 10 Jahre rund 21 Prozent. Das heißt, für den Durchschnittshaushalt ist der Geldzuwachs (im Haushalt) zerronnen, real so rund 2 Prozent ist es weniger.

Das ist alles, was von der UBS-Studie übrigbleibt. An sich ein Armutszeugnis für die sozialstaatliche Politik im Land. In Deutschland sind die realen Verluste übrigens noch weit heftiger. Das reale leichte Schrumpfen der Konsumbudgets der Haushalte gibt es übrigens seit 1995, aber aufgeregt hat das keinen, da niemand mehr selbst recherchiert, auch nicht ein kleines bißchen, schon gar nicht im Bereich der Medien.

Der Index?
Nach wie vor gibt es keine verläßlichere Zahl für Preissteigerungen und Geldwertverlust, als die nationalen Verbraucherpreisindices. Auch wenn die meisten Menschen nicht daran glauben, so nach dem Motto: ‚mit dem Euro ist alles um 40 Prozent teurer geworden‘.
Die Verbraucher können nicht mit Zahlenrelationen und Prozenten umgehen, das zeigt sich in einschlägigen Studien immer wieder. Wenn der Benzinpreis um ein paar Cent steigt, spricht der Boulevard von „Preisexplosionen“. Und die Wirtschaftsjournalisten aus der sogenannten Qualitätspresse mißtrauen dem VPI genau so, wie es der Stammtisch tut. Selbst die Statistik Austria, die den VPI erhebt, tut etliches, um ihn zu relativieren, indem man Mini- und Mikrowarenkörbe erfunden hat, um eine „gefühlte Inflation“ irgendwie auszudrücken.

Was bleibt
Was bleibt ist ein Armutszeugnis für die Medien und natürlich für die Politik. Ihnen allen fehlt wirtschaftliches Basiswissen. Das ist schlimm, aber im Bereich der Wirtschaftswissenschaften sieht es nicht besser aus, da ist alles monochrom neoklassisch, klarerweise also Wachstumsfetischmus, mit ein bißchen mehr oder weniger klassischem Lehrbuch-Keynes. Über die Sinnhaftigkeit von Euro, Eurozone oder EU-Europa können die sich nicht mehr kontroversiell unterhalten, da die Perspektiven „alternativenlos“ gleichgeschaltet sind. Es ist ein armes Land.


 KOMMENTARE 
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Karl Kollmann am 29.8.2012 um 19:44:32:
> Wie sieht es bei den ärmsten 30% aus und wie bei den reichsten? Der normale Warenkorb enthält nennenswerte Anteile für Reisen und Elektronik.

In aller Kürze:
Bei der Elektronik weiß man es ganz gut. Wirtschaftlich schwächere Haushalte statten sich und vor allem ihre Kinder weit mehr mit Konsumelektronik aus, als wirtschaftlich starke. Wirtschaftlich schwächere Haushalte sind heftiger Markenartikel-affin als die sog. obere "Mittelschicht" (Nike und so weiter, aber auch Süßigkeiten, und das iPhone muß schon sein, etc).
Ich denke, das Viertel zwischen den 25 und 50 Prozent ist - nicht alle! - oft auch ziemlich hemmungslos beim Konsum. Die sind auch nicht öko oder so. Sondern Stichwort Geiz ist geil und auf Mallorca und die Silvesterknallerei verzichtet man auch nicht, und die Oma zahlt zum SUV auch noch was dazu... Oft also Fehlallokationen ihrer an sich bescheidenen Mittel.

Disaströs sieht es bei den 15 Prozent Armen aus (die monatlich 830 Euro Ausgleichszulagenempfänger, etc.) - hier liegt der sozialpolitische Skandal in diesem Land. Insbesondere dann beim Wohnen.

Daß der normale VPI ganz passabel mißt, zeigt sich beim zusätzlich erhobenen Pensionistenindex, der ist statt bspielsweise 2,5 halt 2,6...

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Georg Weiser am 29.8.2012 um 17:09:42:
Hallo Karl Kollmann,
dass die österreichischen Haushalte
1999/2000 2440 Euro ,
2004/2005 2540 Euro und
2009/2010 2910 Euro
im Kalendermonat ausgegeben haben ist aber der Durchschnitt.
Du schreibst ja selbst das ist "der jeweilige Durchschnittswert für „den durchschnittlichen“ Haushalt im Land. In diesen 10 Jahren sind die Konsumbudgets um gut 19 Prozent gestiegen.

Wie sieht es bei den ärmsten 30% aus und wie bei den reichsten? Der normale Warenkorb enthält nennenswerte Anteile für Reisen und Elektronik.

Reisen sind für die ärmsten 30% kaum mehr drin. Die müssen ihr Geld fast nur noch für Miete, Heizkosten, Lebensmittel ausgeben. Deshalb halte ich die Unterscheidung zwischen verschiedenen Segmenten und verschiedenen Warenkörben für gar nicht so falsch.

60% mehr beim reichsten Drittel, 30% weniger beim ärmsten und 10% mehr beim Rest machen auch im Schnitt für alle zusammen 19 Prozent mehr aus.

Wie siehst du das?

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Wirtschafterin am 28.8.2012 um 10:54:54:
Eine hervorragende, willkommene, wichtige Zusammenfassung! Unsere Zeit scheint den meisten für Nachrechnen, Hinterfragen und Hintergrundrecherche zu schnelllebig oder zu gefährlich. Die meisten Wirtschaftswissenschafter von heute, und erst recht die von morgen, sind unkritisch. So gesehen an der Wirtschaftsuniversität bei finanzstarkem Stronach-Auftritt. Nahezu alles opportuniert Richtung Masse, Mainstream und Geld. Bloß nicht auffallen in Zeiten, wo das Innenministerium per Knopfdruck über jeden sofort alle Daten parat haben kann. Unschöne aber effektive Motivatorin dabei ist die Angst. Das ist der entsetzliche Tenor (Terror) unserer Zeit. Umso schöner, wenn sich dann doch noch jemand findet, der vom Fach etwas versteht und dann auch noch schreiben kann. Danke für den erhellenden Artikel!

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