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Ein Tierschützer berichtet



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Eritas Tchisrov


Stenzel und die Alko-Cops



Es ist Mitternacht. Der Stephansplatz liegt im fahlen Mondlicht. Ich bin allein. Die Strassen sind leergefegt. Wo früher um diese Zeit noch buntes Treiben herrschte, nun Ödnis und Totenstille. Ich warte auf Eva. In der Ferne hallen Stiefelschritte. Die Alko-Cops, das Stenzel-Kommando.

Ich drücke mich in einen dunklen Hauseingang vor ein schmiedeeisernes Portal, rieche den Rost der Monarchie, presse den Flachmann mit Escorial fest an mich. Jetzt nur nicht nervös werden. Die Schritte kommen näher. Sie gehen vorbei.

Ich atme tief durch. Die Erinnerung holt mich ein. Drei Jahre ist es nun her. Mit einem Interview im Mai 2012 hatte alles begonnen. Damals hatte Ursula Stenzel, die Bezirkschefin der Wiener Innenstadt gemeint, im Zentrum Wiens müsse man ein Alkoholverbot durchsetzen.

Nur in der Gastronomie dürfe in Zukunft Alkoholkonsum erlaubt sein, nicht aber in der Öffentlichkeit. Kaum jemand nahm sie damals ernst, bis auf einige wenige Bürgerrechtler die bereits ahnten, was sich anbahnte. Sie leisteten ersten Widerstand und versammelten sich jeden Samstag auf dem Stephansplatz zum basisdemokratischen Trinkgenuss und zivilcouragierten Zuprosten, "Stenzeln" genannt.


Glossolalie und Missverständnisse

Einen ersten schweren Schlag erlitt die Zivilbewegung, als der Glossolalie-Kongress der europäischen Pfingstler in Wien tagte. Die enthusiasmierten Christen wurden grässlich missverstanden. Denn ihren Missionseifer und ihr Reden in fremden Zungen hielt die Öffentlichkeit für Trunkenheit.

Straches FPÖ witterte Morgenluft. Um die Volksseele weiter zu erhitzen, wurden Vorkommnisse inszeniert. Burschenschafter torkelten nach ihren Kommersabenden schwerst alkoholisiert wie immer, doch nun als Punks verkleidet, durch die Strassen der City, versperrten zum Teil Rolltreppen und U-Bahnzugänge. Der Boulevard rief den kulturellen Notstand aus.


Literarische Cocktails

Die Anti-Stenzler starteten eine Aufklärungsinitiative. Vor der Pestsäule wurden Cocktails gemixt und verteilt. Am Stephansplatz fanden Dichterlesungen statt. Hemingway, Jack London, Bukowski kamen zu Wort, ein Strassentheater spielte Joseph Roths "Legende vom heiligen Trinker". Wolfgang Ambros sang. Es nützte alles nichts.

Am 15. November 2012 kommt es zum GAU.

Oberbürgermeister Häupl verlässt eine nette Abendgesellschaft im Café Landmann, stolpert über eine zerknüllte Bierdose und stürzt unglücklich vor den Stufen des Burgtheaters. Die Stadt schreit auf. Der öffentliche Alkohol hat wieder ein Opfer gefordert, so heisst es. Mit bandagiertem Arm verkündet Häupl am nächsten Morgen das Alkoholverbot in der City. Die Grünen stimmen zu - aus gesundheitspolitischen und feministischen Gründen, wie es heisst. Später stellt sich heraus, dass die SPÖ ihnen am selben Tag die schon lange geforderte Sprachpolizei zugestanden hat.

Die erste Stufe des Stenzelplans wird umgesetzt. Überwachungskameras werden an den touristischen Schwerpunkten installiert, an den U-Bahnaufgängen ausserdem Scanner und Aerosol-Fühler, die den Alkoholgehalt im Atem der Ankommenden messen sollen. Die Truppe der Alko-Cops wird aufgestellt, Sondereinheiten, die öffentlich genossenen Alkohol aufspüren sollen, im Volksmund Stenzel-Kommandos genannt.


La lotta continua

Die Stenzel-Dissidenten geben nicht auf.

Doch die Nationalratswahlen im Oktober bringen eine blau-schwarze Koalition an die Macht. Die zweite Phase des Stenzel-Plans wird eingeleitet. Es kommt zu Razzien und Massenverhaftungen.
Drakonische Geldstrafen werden verhängt, bei Wiederholungstätern auch Haft. Nur ganz Mutige wagen noch öffentlich ihr Ottakringer oder ihren Gspritztn aus dem BILLA zu trinken.
Sie werden mit Drohnen und Hunden verfolgt. Um die Kontrollen effizienter zu machen, werden die Gesundheitsdaten aller Bürger angezapft. Die Alkohol-Kontroll-Streifen werden verdoppelt. Vor allem nach 21 Uhr. Verdächtige müssen beweisen, dass sie ihren Promillespiegel legal in der Gastronomie erworben haben. Das nächtliche Treiben kommt zum Erliegen.


Mein Handy klingelt. Eva. Wir wechseln ein paar Worte. Warum soll ich jetzt wieder zurück zum Stephansplatz? Sie legt auf. Ich biege vom Bermuda-Dreieck in die Rotenturmstrasse ein, nehme im Laufen einen Schluck gegen die Angst. Wenn mich jemand mit dem Flachmann erwischt, bin ich geliefert. Den kostbaren Nektar wegwerfen, hilft nicht, wir sind alle längst erkennungsdienstlich erkannt und erfasst - mit Haut und Haar, mit Finger- und DNA-Abdrücken.

Schritte irgendwo. Kurz vor dem Steffel gönne ich mir einen zweiten Schluck. Plötzlich flammen Scheinwerfer auf. Aus einem Lautsprecher dröhnt der Befehl "Stehenbleiben!"

Ich bleibe nicht stehen. Hinter mir erblicke ich einen Pulk Alko-Cops. Ich hetze Richtung Kärntner Strasse, doch auch von dort nähern sich nachtblaue Gestalten. Ein zweites Stenzel-Kommando. Vom Graben her ein drittes.


Aus die Maus. Ich bin umzingelt.

Kindische Gedanken jagen durch meinen Kopf. Warum ich, warum schon wieder ich? Stets hatte ich die Strasse bei Grün überquert, immer brav meine Steuern und Alimente bezahlt, nie eine Sonntagszeitung aus dem Spender gestohlen. Und nun das!

20.000 Euro Geldstrafe, 9 Monate Haft, in der Krone am Pranger, die Karriere futsch, die Existenz vernichtet.
Doch das Schlimmste - Eva. Sie hatte mich hierhergelockt. Gehörte sie zu den Zuträgern der Stenzel-Kommandos, war sie eine Agentin der Alko-Cops? Eva, für die ich durchs Feuer gegangen wäre?
Ist sie das etwa, da vorn an der Spitze der Kärntner Stenzel-Abteilung?

Bei diesem Verdacht schwinden mir die Sinne. Ich nehme einen letzten Schluck von meiner Medizin und ergebe mich dem Schicksal.

Da macht es Psst! und nochmals Psst!
Wo kommt das her?
Zu meinen Füssen lockert jemand von unten einen Kanaldeckel.
"Schnell rein hier!", krächzt eine Stimme. Ich krieche durch den Schlupf. Der Alte ist bestimmt über 70. Ich höre den Laufschritt der Häscher.
Ich erkenne einen zweiten, jüngeren Helfer neben ihm. Die beiden verschrauben hastig den Deckel, wir klettern eine rostige Leiter hinab.

Zehn Minuten waten wir durch die seichten Abwässerkanäle. Dann bleiben die beiden vor einer Metalltür stehen.
"Und was nun?" frage ich keuchend.
"Wir warten auf den dritten Mann", erklärt mir der Alte.



 KOMMENTARE 
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Irma La Douce am 29.5.2012 um 22:38:45:
Jö, der Mond scheint helle - aber nicht für Ulla sondern für Irma et ses flambeurs.

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Rudiralala am 29.5.2012 um 18:26:19:
Diese Ursula Stenzel erinnert mich an unsere "Zensursula". Weit weg von der Reailtät, aber immer bereit die Menschen mit Vorschriften zu schikanieren. Mehr solche Storys.

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ingotisch am 29.5.2012 um 12:27:20:
Passend zum Thema eine Lebensweisheit von Frau Stenzel https://www.youtube.com/watch?v=0smsjDDB250

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Emma Freisleben am 28.5.2012 um 22:34:24:
Das muss unbedingt die Stenzel lesen! Habe sehr viel gelacht beim Lesen ...

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