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Thomas Lukscheider
Schellhorns Presse-Visionen
Die Wiener Tageszeitung „Die Presse“ galt einst als kompetent in Wirtschaftsfragen. Seit dem Platzen der Dot-Com-Blase und der Lehman-Pleite hat sich die Begeisterung in dieser Hinsicht auch bei den treuesten Lesern etwas gelegt (1). Franz Schellhorn ist seit 2004 Leiter des Wirtschaftsressorts der „Presse“. Es ist erstaunlich, mit wie wenig Zahlen, Fakten und Belegen Schellhorn in seinen Beiträgen auskommt. Er darf in dieser Hinsicht als echter Spar-Experte gelten. Dafür generiert er einen geradezu inflationären Output an kulturphilosophischen Betrachtungen.
Schellhorns Wellness-Feeling
„Es ist uns noch nie so gut gegangen“, meinte Franz Schellhorn 2011 auf einer Diskussion zum Thema Finanzkrise in Salzburg (2). Stimmt. Franz Schellhorn und den Seinen ist es in der Tat noch nie so gut gegangen.
Als Immobilienbesitzer und Vermieter profitiert er derzeit von den exorbitant steigenden Mieten. Eine aktuelle Wohnungsmarkt-Studie (3) dokumentiert: Auf dem freien Markt sind die Mieten in Wien zwischen 2006 und 2010 um 25 Prozent gestiegen. 2007 zahlte man innerhalb des Gürtels 9,41 Euro pro Quadratmeter, heute sind es 14,50 Euro. Für eine Zweizimmerwohnung mit 40 Quadratmeter im achten Bezirk verlangen Vermieter heute (2012) schon an die 1000 Euro Miete. Durchschnittlich 43 Prozent ihres Einkommens geben Wiener in privaten Mietwohnungen für die Miete aus. Bei den unter 30jährigen sind es sogar 59 Prozent. Es gab Zeiten, da betrug dieser Anteil 20%.
Noch wohliger zumute wird Franz Schellhorn, wenn er an den Wert seiner Immobilien denkt. In den letzten vier Jahren sind die Kaufpreise in Wien um knapp 50 Prozent gestiegen. Es ist einigen in Österreich tatsächlich noch nie so gut gegangen. Das stimmt sicher für die 10% Reichsten der Republik. Sie verfügen heute über 64% aller Immobilien. Im Jahr 2000 waren es erst 52%. Solche Entwicklungen verschweigt Franz Schellhorn tunlichst, stattdessen vereinnahmt er mit seinen „Uns geht’s doch gut“-Sprüchen alle Österreicher, in der Absicht, durch seine Wellness-und-Wir-Geste jedes Nachrechnen und Nachdenken zu ersticken (3a).
Schellhorns Kreuz mit der Regulierung
Doch es gibt auch Schatten im Leben des Franz Schellhorn.
Besonders deprimiert ihn der Blick auf die Wiener Donau. Reguliert fliesst sie durch die Stadt. Vorbei die Zeiten, als sie in unkontrollierter Freiheit alle paar Jahre die Uferbezirke überschwemmte und Millionenschäden verursachte. Seit den Siebzigerjahren ist sie durch ein ausgeklügeltes System aus Entlastungsgerinne und Wehranlagen gezähmt.
Zum Glück für Franz Schellhorn und die Seinen wurden die Finanzmärkte 1999/2000 final dereguliert. Und zwar durch ein WTO-Abkommen und den FASP-Aktionsplan der EU. Jetzt waren wenigstens auf dem Finanzsektor wieder Abenteuer angesagt. Dämme gegen Derivate und Spekulation wurden eingerissen, ebenso das Trennwehr zwischen Geschäfts- und Investmentbanken, Wetten auf Ruin wurden generell zugelassen, die letzten Kapitalverkehrskontrollen gestanzt und geschliffen. Keine globale Finanzaufsicht, keine umgreifende Steuerfahndung, kein TÜV für Finanzprodukte hemmte mehr den freien Spieltrieb Schellhorns und seiner Freunde. Die grosse Tea Party begann. Sie währte 6 Jahre, dann zeigten sich erste Überhitzungen, Funkenflug, und schliesslich brannte 2008 das globale Dschungel-Camp samt Kasino ab.
Heute muss Franz Schellhorn schon mal auf den anderen Gehsteig wechseln, wenn er einen seiner Gläubigen (4) von damals in der Ferne auf derselben Strassenseite entdeckt. Der deregulierte Finanzstrom mit seinem Giftschlamm aus Subprimes, Assets und Credit Default Swaps ätzt sich inzwischen munter durch die Staatshaushalte. Er muss permanent durch gutes Geld – sprich Steuern und Sparguthaben – filtriert, aufbereitet, gelöscht, entschärft werden.
Schellhorn und die Schwarzgelder
Zwischen 21.000 und 32.000 Milliarden Dollar haben die diversen Hayek-, Friedman- und Tea Party-Freunde weltweit am Fiskus vorbei in Steueroasen gebunkert (5). Sie nutzten die von Schellhorn so bejubelte und herbeigesehnte Freiheit des Kapitalverkehrs. Dieses Schwarzgeld hat jährlich Steuerausfälle um die 280 Milliarden Dollar, derzeit ca. 220 Milliarden Euro, verursacht.
Nicht nur, dass dieses Schwarzgeld jahrelang massive Haushaltslöcher in den betroffenen Staaten gerissen hat und die Kommunen zum Schuldenmachen zwang, um die Basisversorgung der Bürger aufrecht zu erhalten. Nun tauchen diese hinterzogenen Gelder, gesteuert über aggressive Hedge-Fonds, als Wetteinsätze auf den Ruin von Staaten und zu Horrorzinsen auf den Märkten auf. So wird ein zweites Mal immenser Schaden angerichtet, den wiederum die 90% einfacher Bürger mit Inflation, Einkommensverlusten, Kürzungen bei Bildung und Gesundheit bezahlen müssen.
Für Franz Schellhorn sind diese Steuerausfälle vermutlich Peanuts oder sie zeigen, wie schrecklich die Reichsten dieser Erde verfolgt werden, wenn sie soviel illegal beiseite schaffen mussten.
Schellhorn und die Freiheit
Franz Schellhorn schreibt auch gern und viel von Freiheit. Er will nicht, dass seine Freiheit eingeschränkt wird, und die besteht vor allem im unbehelligten, sprich steuerfreien, Geldeinnehmen. Eine Erhöhung vermögensbezogener Steuern lehnt er ebenso ab wie einen Rooseveltschen oder skandinavischen Spitzensteuersatz.
Verständlich, denn das würde ja bedeuten, dass ein fiktiver Schellhorn von jeder Vermögensmillion über der 1 Millionen-Euro-Grenze 170.000 Euro oder mehr abgeben müsste und von den 100.000 Euro, die er über der 70.000 Euro-Marke verdient, noch einmal 30.000 Euro zusätzlich.
Ein Horrorszenario. Wir sehen den virtuellen Schellhorn mit 2,8 Millionen Vermögen und jährlich nur noch 80.000 Euro Nettoeinkommen darbend in Ketten liegen und fühlen mit ihm.
Dennoch taucht die Frage auf: Welche Freiheit ist höher anzusetzen. Schellhorns Freiheit, sich mit den vom Staat bisher jährlich geschenkten 200.000 Euro auch noch den dritten SUV, den siebten Golf-Trip und die zwölfte Breitling-Uhr leisten zu können oder die Freiheit von 100 alleinerziehenden Müttern, die derzeit zu knausern und zu knapsen haben.
Mit Schellhorns 200.000 Euro kämen für jede dieser 100 Mütter 2.000 Euro mehr im Jahr zusammen, und sie hätten die Freiheit für ihre Lieben öfter auch unter Qualitätsnahrung wählen zu können. Sogar ein Jahresurlaub mit den Kindern wäre drin.
Eine Freiheit, die Franz Schellhorn gar nicht goutiert. Denn Franz Schellhorn hat zwar seine Nöte mit wirtschaftlichen Zahlen und Zusammenhängen, dafür kennt er aber die Seele des einfachen Volkes und dessen Moral umso besser. Sicher findet er in der Kronen-Zeitung das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter, die ihr Kind vernachlässigt hat. Eine unter 10.000 wird er auch in Gerichtsakten finden.
Daraus könnte Franz Schellhorn dann eines seiner Massenphänomene konstruieren und wieder einmal „beweisen“, dass zuviel Sozialstaat nur zur Verluderung der Begünstigten führt.
Hauptfeind ist und bleibt für Schellhorn der Staat. Obwohl der bisher seine und die Wertanlagen seiner Freunde gerettet hat, glaubt er immer noch, er sei Opfer dieses Molochs. Verbesserungen für die Gesellschaft kann er sich nur vorstellen, wenn sie über die Schatullen der Reichsten fliessen:
„Das vom Staat ausgegebene Geld wird Bürgern genommen, die es mit Sicherheit besser investiert hätten als die unkündbaren Beamten und die auf Wiederwahl bedachten Volksvertreter.“
Die Transaktionen der Lehman, Meinl und Konsorten sahen offen gestanden im Vergleich nicht besser, besonders nachhaltig und günstig für die Normalsterblichen aus.
Schellhorns Hintergrund
Franz Schellhorn ist nicht eigentlich von Bosheit gelenkt. Er will sicher das Beste. Für wen in welchem Ausmass – das ist bei ihm allerdings eine recht einseitige Angelegenheit. Man hat den Eindruck, Franz Schellhorn musste nie das wohlbehütete Kinderzimmer verlassen. Existentiell bedrohliche, ökonomische Not hat er nie kennengelernt.
Er lebt, wie seine Freunde aus der ÖVP-Spitze, vornehmlich von leistungslosem Einkommen. Seine Spielwiese wurde 1997 ausgeweitet auf die Redaktionsräume der „Presse“. Seither schreibt er für die Generation der Erben, die neue jeunesse dorée, seine Gefälligkeitsartikel, erzählt die Märchen der Voodoo- und Schmalspurökonomen aus dem Dunstkreis der Chicago Boys und Tea Party nach. Wie diese Märchen zustandekommen, hat der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman näher beleuchtet (6).
Immerhin wahrt Franz Schellhorn noch gewisse Formen. Wenn auch Verantwortungsethik und Sozialmoral sehr zu wünschen übrig lassen – kein Wunder im Umfeld der ÖVP -, so geniessen Contenance und Etikette in seinen Kreisen doch noch eine gewisse Wertschätzung. Bei Schellhorns „Presse“-Kollegen, Christian Ortner, ist das anders. Er ist der Truchsess fürs Grobe und bedient in der „Presse“ die neureiche Fraktion der Leser mit Zoten und Schmonzetten.
Von ihm ein andermal.
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(1)
Reichweite der „Presse“ 2001: 5,4% - 2009:3,8%
Quelle: ÖMA Österreichische Media-Analyse: Jahresberichte 2001 bis 2008/2009
(2)
http://www.youtube.com/watch?v=Y35kKE3dLMk&feature=relmfu
(3)
Kostenschock bei den privaten Mieten
http://wien.arbeiterkammer.at/online/preisschock-bei-privaten-mieten-65518.html
(3a)
Wie kommt es, dass die "Presse"-Stars die Lage so verkennen? Da Schellhorn und seine Kollegen gern in Vergleichen schwelgen, wollen wir damit nicht völlig hintanstehen. Um es also auf blumige Art zu sagen: Auf dem Luxusdeck kann man schon mal die 90% restlicher Menschen an Bord vergessen, vor allem dann, wenn das kalte Buffet mit immer neuen Delikatessen lockt. Auch der Rost und die Risse auf den Zwischendecks werden nicht sonderlich ernst genommen, und dass bereits Wasser in den Maschinenraum und die billigeren Kajüten dringt, wird völlig ignoriert, damit die Stimmung auf dem Oberdeck nicht leidet.
(4)
(sic, Gläubige ganz ohne „r“!)
(5)
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/3073439/reiche-horten-bis-zu-32-billionen-dollar.story
(6)
„Jene absurden und törichten Vorstellungen, die unter dem Etikett supply-side-economics (angebotsorientierte Wirtschaftspolitik) kursieren, nähme mit Sicherheit kaum jemand ernst, stünde die Doktrin nicht den Interessen der Wohlhabenden so nahe und würde sie von diesen über die einschlägigen Medien nicht systematisch im Gespräch gehalten.“
„Die jährlichen Gesamtmittel der wirklich unabhängigen wirtschaftswissenschaftlichen Institute, belaufen sich auf ein paar zig Millionen Dollar. Dies bedeutet, dass bereits ein paar wenige reiche Spinner in der Lage sind, mit einem von ihnen unterhaltenen Netz von 'Denkfabriken', 'Forschungseinrichtungen', Stiftungen und so weiter kräftig mitzumischen und eine Wirtschaftsideologie ihrer Wahl salonfähig zu machen."
(Paul Krugman in „Schmalspurökonomie“)
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Thomas Lukscheider am 5.8.2012 um 17:23:30:
Lieber Augustin,
ich heisse Lukscheider, nicht Luckscheider. Neid auf Schellhorn ist mir fremd. Ich empfinde eher Mitleid. Sie gehen da vielleicht allzusehr von Ihren Empfindungen aus.
Wenn Sie Schweiz, Luxemburg als Beispiele erfolgreicher neoliberaler Wirtschaftspolitik anführen, dann können sie auch gleich Liechtenstein oder die Cayman Islands nennen. Ernstnehmen kann ich Sie dann aber nicht. ___________________________
Augustin am 4.8.2012 um 22:39:23:
Der arme Thomas Luckscheider tut mir richtig leid. Da spricht schon verdammt viel Neid aus dem Artikel. Hat der gute Schellhorn wirklich soviel persönliche Aufmerksamkeit verdient?
Im übrigen sind sind ziemlich alle überdurchschnittlich wohlhabenden Länder eher wirtschaftsliberal (in Europa z.B.: Schweiz, Luxemburg, Holland). Ist ja eigentlich auch logisch. Oder hat schon mal jemand erlebt, dass ein Politiker oder sonstiger Funktionär nachhaltige Jobs durch vermarktbare Produkte/Leistungen geschaffen hat? ___________________________
Unglaublich bis ungläubig am 2.8.2012 um 12:25:49:
Schellhorn ist einer von den Gläubigen, den Glaubensbrüdern, den Glaubensanhängern des kapitalist. neolib. Wirtschaftssystem. Aus Glaubensgründen verweigern sie sich den Zahlen, Daten, Fakten. Erschütternd, dass ausgerechnet gebildete Menschen für wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten unzugänglich bleiben. God knows why ;-) ___________________________
Experte am 29.7.2012 um 19:32:47:
"Spar-Experte" Schellhorn und Zinsexperte Ortner aka Zentralorgan Neoliberalismus, whatever that may be außer Eitelkeit, na Gute Nacht: http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/christianortner/1271121/Wie-die-Sparer-um-sechs-Milliarden-pro-Jahr-betrogen-werden ___________________________
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