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Peter Gach


Quasi oder Drei Anekdoten aus dem Leben eines Wiener Originals


Teil 2: Das "U" oder der Kampf wider schmUtz & schUnd

In meiner Schulzeit war ich bekennender Liebhaber von Schmutz- und Schundheftchen, wie Comics damals genannt wurden. Meine Sammlung kleiner, schmaler Abenteuerheftchen wurde wiederholt Opfer pädagogisch motivierter Raubzüge, verbunden mit verschiedenster Drohungen, wie z.B.: "Du wirst noch einmal als Verbrecher enden" oder "Du wirst es im Leben nie zu etwas bringen". Ersteres war nie mein Ziel, zweiteres lag wohl auch daran, dass ich in späteren Jahren nie eine vollständige Sammlung von Schmutz- und Schundheften besessen habe, weil die ja ständig vom Lehrpersonal dezimiert wurden, was einer späteren Wertschöpfung eher abträglich war.

Der Kampf wider die Unsittlichkeit wurde in Österreich vor allem von erzkatholischer Seite vorangetrieben, vermutlich um so vom tatsächlichen Mssbrauch von Kindern und Jugendlichen in katholischen Internaten abzulenken und mit erhobenem Zeigefinger auf völlig unschuldige Opfer zu zielen. So gab es Plakate der Katholischen Jugend mit dem Text: "Österreichs Untergang: Nicht Kriegsverluste, nicht Krebs, nicht Tuberkulose, sondern Volksseuche Unsittlichkeit". Die Moralapolstel, die sich für die Absetzung von Filmen stark machten, weil sie angeblich moralisch verderblich waren, hatten die Filme vermutlich nie gesehen. 1. weil es eine Sünde war, 2. weil Kinokarten teuer waren und 3. weil das Fernsehen noch nicht erfunden war (wenn doch, dann war es noch nicht zur Serienreife gelangt).

Mitte der 1950er Jahre unterschrieben eine Million Österreicher eine Petition gegen "Schmutz und Schund". Es gab aber auch eine andere Art, wie die Auseinandersetzung mit Schmutz und Schund geführt werden konnte.

Felix Hurdes (ÖVP) war zweiter Unterrichtsminister der zweiten Republik, unmittelbar nach Ernst Fischer (KPÖ) der diesen Posten vom 27. April 1945 bis zum 20. Dezember 1945 bekleidete. 1950 sollte ein recht unpopuläres, weil völlig unsinniges Zensurgesetz gegen Schmutz und Schund verabschiedet werden, wozu es allerdings nie gekommen ist.

Qualtinger montierte eines Nachts ein riesengroßes U von einer Plakatwand ab und schickte es gemeinsam mit einer Petition des von ihm gegründeten "Vereins zur Abschaffung des Buchstaben U" an den Minister: "Im Buchstaben U, Herr Unterrichtsminister Hurdes, erblicken wir fortschrittlichen Schriftsteller das Symbol für Schmutz und Schund, beinhalten doch alle Wörter mit unsittlicher, unseriöser und unschöner Bedeutung diesen schon in seiner Form anstößigen Vokal. Wir fordern Sie, Herr Unterrichtsminister Hurdes, daher auf, energische Maßnahmen gegen das Überhandnehmen dieses Buchstabens in die Wege zu leiten."

In einer anderen Version stammte das "U" von einem Geschäftsportal in der Kärntnerstraße, von wo es herabgefallen sein soll. Nach dieser in ganz Österreich belachten Aktion Qualtingers konnte der Unterrichtsminister mit dem U im Familiennamen sein Schmutz- und Schundgesetz nicht mehr verwirklichen. (1)

Practical jokes

Qualtinger war für seine "practical jokes" gefürchtet. Denn er hatte ein Gefühl dafür, an welchem Punkt bei einem bestimmten Menschen angesetzt werden musste, um ihn im sensiblen Bereich seiner Persönlichkeit zu treffen und die geheimsten Sehnsüchte aufzudecken. So rief er mehrmals bei verschiedenen bekannten Schauspielern als amerikanischer Künstleragent an, machte fiktive Rollenangebote im Auftrag bekannter Filmfirmen aus Hollywood und versprach traumhaft hohe Gagen. Und welcher Schauspieler hörte das nicht gerne?

Manchmal verkleidete er sich auch, um seine Opfer zu täuschen. Eines Tages beklagte sich ein Freund beim Qualtinger, weil ein Zeitungsherausgeber die Auszahlung offener Autorenhonorare verweigerte. Daraufhin stieg Helmut in die Uniform eines sowjetischen Offiziers, die er irgendwo "entliehen" hatte, marschierte quer durch den amerikanischen Sektor der Stadt ins Redaktionsbüro und forderte in erfundenem Russisch das Geld. Der Herausgeber, der im Redefluss des vermeintlichen Offiziers mehrmals das Wort "Sibirien" gehört haben wollte, bezahlte sofort sämtliche Schulden.

Es kann nicht gesagt werden, dass Qualtinger jemanden imitiert hat. Es war viel mehr ein Rollenspiel, eine Identifikation, ebenso improvisiert wie vollkommen. Und er hat dabei sehr gerne telefoniert. So ist überliefert, dass Qualtinger einmal Gerhard Freund, den späteren Fernsehdirektor, angerufen und dabei die Stimme der Schauspielerin Annie Rosar imitiert hat. Und der Gerhard Freund hat sich lange mit der Annie Rosar unterhalten und gar nicht gemerkt, dass das in Wahrheit der Qualtinger war.

Dieses einmalige Talent brachte manchmal auch groteske Entwicklungen mit sich: Einmal hat ein amerikanischer Filmproduzent den Schauspieler Peter Preses (der später gemeinsam mit Ulrich Becher das Theaterstück Der Bockerer geschrieben hat) mitten in der Nacht angerufen und mit starkem Akzent gesagt: "Entschuldigen Sie, dass ich so spät anrufe, ich brauche morgen Vormittag einen Schauspieler im Sieveringer Atelier. Bitte, könnten Sie hinkommen?" Und der Peter Preses hat sich gedacht, das kann doch nur der Qualtinger sein, ich werde ihm nicht hereinfallen. Und er hat geantwortet: "Leider nicht, ich hab' für morgen schon einen Termin, aber ich empfehle Ihnen den Herrn Qualtinger. Rufen Sie den an!" Und es war wirklich ein Filmproduzent, und der hat dann den Qualtinger angerufen und ihm die Rolle gegeben.

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(1) Brigitte Erbacher: Der Qualtinger. In: Das Qualtinger Buch, Langen Müller, München und Wien, 1986, S. 326-327

(2) Georg Biron: Blues für einen Partisanen. In: Michael Kehlmann und Georg Biron: Der Qualtinger. Ein Porträt. Kremayr & Scheriau, Wien, 1987, S. 102-106


 KOMMENTARE 
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der andi am 14.6.2012 um 07:37:37:
Ich kenne die Bücher. Der Artikel ist etwas eigenes und sehr originell finde ich. Mehr davon!

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Lore Hammel am 14.6.2012 um 00:16:03:
Ein lustiger, gekonnt geschriebener Artikel! Oder ist das alles abgeschrieben aus den Büchern?

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