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Tante Jolesch


Pizzeria Anarchia!
Wohnungsnot und Widerstand in Wien



Die Wohnungsnot ist gross in Wien. Auf dem freien Wohnungsmarkt explodieren die Mieten. Um 25 Prozent sind sie allein zwischen 2006 und 2010 gestiegen. Viele Wohnungen werden als Wertanlage, zwecks Spekulation erworben. Nicht um sie zu vermieten, sondern um Vermögen in vermeintlich sichere Häfen zu bugsieren. Durchschnittlich 43 Prozent ihres Einkommens geben Wiener in privaten Mietwohnungen für die Miete aus. Bei den unter 30jährigen sind es sogar 59 Prozent. 50.000 bis 80.000 leerstehende Wohnungen soll es inzwischen in Wien geben.
(Quelle: Kostenschock bei den privaten Mieten http://wien.arbeiterkammer.at/online/preisschock-bei-privaten-mieten-65518.html)


Ein seltsames Angebot

Vor allem jüngere Menschen aus weniger betuchten Kreisen sind von der Misere betroffen. Kein Wunder also, dass einige Betroffene ohne langfristige Behausung auf ein verlockend wirkendes Angebot eingingen. Der Besitzer eines Hauses in der Mühlfeldgasse bot den Menschen aus der Punk-Szene vertraglich an, Wohnungen für Null Euro Miete "zwischenzunutzen".

Was zunächst wie die Tat eines barmherzigen Samariters aussah, erwies sich bald als perfides Kalkül. Gespräche mit den Mietern und ein Artikel im AUGUSTIN ergaben, dass der Hauseigentümer versucht habe, die Mieter des Hauses “hinauszuekeln". Durch das Dach regnete es plötzlich herein. Trotz Wasserschaden und Schimmel weigerte sich der Besitzer, die nötigen Reparaturen durchzuführen. Drei Mietparteien mit unbefristeten Mietverträgen harrten dennoch aus. Der Eigentümer hat das Haus inzwischen an eine Immobilienfirma verkauft. Seither häufen sich Vorfälle, die an Kafkas Buch "Der Prozess" erinnern. Abgesandte der Eigentümer klopfen mitunter spätabends an die Türen, versuchen die Mieter zum Auszug zu überreden, warnen vor einem “kalten Winter”. Vertreter von “Detektivkanzleien” beschatten das Haus.

Mieter und Zwischennutzer kommen zum Leidwesen der Immobilenfirma besser klar als erwünscht. Im Februar/März schält sich der Sonntag als wöchentlicher Volxküche-Tag heraus. Erst sind es 20, 30 Leute, die Sonntagabend zum gemeinsamen Pizzabacken und -essen erscheinen, nach zwei Monaten schon an die hundert. Nebenräume werden nutzbar gemacht. Ein Infoladen mit Leinwand und Sitzgelegenheiten wird eingerichtet. Dienstags gibt es dort Kostnixkino. Im hintersten Raum entsteht ein Kostnixladen für Kleidung und andere Second Hand-Gegenstände.


Pizzeria Anarchia - gelebte Anarchie

Die Pizzeria Anarchia ist - zumindest bisher - ein gelungenes Stück gelebter Anarchie.

Die Tante Jolesch ist keine Anarchistin. Ihre Bettwäsche legt sie auf Kante gefaltet in den Schrank. Die Teppichfransen sind auf Linie gekämmt, gegen 22 Uhr liegt sie schlafend! im Bett und vor Punk- und Techno-Musik nimmt sie Reissaus.

Dennoch.
In den nächsten Wochen und Monaten werden bei der Tante in der Reihe "HUCH, Anarchisten!" einige Artikel zum Thema erscheinen. Darin soll der ganze, bunte - oft auch sehr widersprüchliche - Reigen anarchistischer Denker und Aktivisten von Bakunin bis Thoreau, von Emma Goldman bis Durruti und Camus beleuchtet werden. Als Höhe- und Schlusspunkt ist ein Vergleich der Münchner Räterepublik von 1919 mit der Wiener Protest-Szene von 2012 geplant.

Zurück zur Pizzeria.
Ein Zusammenleben von Menschen sehr unterschiedlicher Lebensstile lässt sich organisieren. Das haben nicht zuletzt die anarch angehauchten Aktivisten der Pizzeria in der Mühlfeldgasse gezeigt. Die unbeugsamen Mieter des Hauses sehen in ihnen jedenfalls nicht ihre Feinde. Die sitzen anderswo.

Die Immobilienfirma versucht in jüngster Zeit durch Verbauen der Eingänge und Entfernen der Türschlösser Tatsachen zu schaffen. Das Bezirksblatt und ein SPÖ-Bezirkschef echauffieren sich darüber, dass die Bewohner vor dem Haus ab und zu in der Sonne sitzen. Unglaublich.


Pizza und Parteien

Es wäre gut, wenn die SPÖ sich endlich an ihre Traditionen erinnern würde. Die Breitner-Steuern auf Luxus und Immobilienspekulation haben in den Zwanzigerjahren den sozialen Wohnungsbau erst ermöglicht und den Mietwucher in Wien eingedämmt. Das ist bis heute die Basis der (noch!) relativ hohen Lebensqualität in der Hauptstadt. Die SPÖ ist dabei, all dies zu verspielen. Die städtische Wohnbauförderung fliesst kaum mehr in den Bau neuer Gemeindewohnungen, sondern ganz erheblich in die Sanierung von Häusern in Privatbesitz. Dadurch werden die Mietpreise nicht gesenkt, sondern eher nach oben getrieben.

Die FPÖ versucht aus der Wohnungsnot ihr braunes, rassistisches Süppchen zu kochen. Viele prominente grüne und SPÖ-Funktionäre haben diese Zusammenhänge noch nicht einmal im Ansatz begriffen. Ihnen fehlt offensichtlich die Lebenserfahrung, was es heisst, wenn 50 bis 60 Prozent des Einkommens für die Miete draufgehen.

Zudem gilt.
Freie Lebensgestaltung muss für alle möglich sein. Dazu gehören erschwingliche Mieten. Sicher auch ein bürokratiefreies Grundeinkommen. Eigentlich sind das Themen der Piraten. Schliesslich sind die meisten unter ihnen von einem intransigent-anarchen Freiheitsdrang beseelt - wenn man ihren Worten glauben darf. Schade nur, dass einige Übereifrige mit parteitypischen Ambitionen
derzeit ihre grösste Lust in der Selbstzerfleischung finden.


Solange einige der piratischen Funktionäre mit Parteiquerelen beschäftigt sind, können ja die Basispiraten schon mal an der Demo gegen Wohnungsnot teilnehmen:

Morgen, Samstag, 18. August
16 Uhr Agora am Donaukanal
(zwischen Schweden- und Aspernbrücke gegenüber Schwedenplatz/Urania)

Danach gibt es um 19 Uhr in der Pizzeria Mühlfeldgasse 12 ein Vernetzungstreffen.

Und hoffentlich auch Pizza.


 KOMMENTARE 
(zum Selber-Schreiben - hier klicken)

pizza.noblogs.org am 21.8.2012 um 17:53:48:
der blog der pizzeria anarchia, mühlfeldgasse 12:
http://pizza.noblogs.org

dort gibt es auch einen inzwischen beträchtlich angewachsenen pressespiegel über das haus und die machenschften der eigentümer bzw. der castella gmbh:
http://pizza.noblogs.org/pressespiegel/

einen längeren beitrag zum haus gibt es hier:
http://pizza.noblogs.org/spekulation-mit-wohnraum-in-wien/

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Freifrau von am 19.8.2012 um 08:23:30:
Der Wohnungsmarkt spürt Nullkommanull, dass Grün in Wien angeblich mitregiert.
Und dass die SPÖ irgendwas mit sozial am Hut hätte ist mir sowieso neu.

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Volksfrau am 19.8.2012 um 00:49:40:
Und wo bitteschön sind diese Parteien, die uns WIRKLICH vertreten, oder die uns einfach nur vertreten? Für meine Anliegen gibt es weit und breit KEINE einzige Partei. Nur Initiativen vertreten meine Anliegen vom Guten Leben für alle, Stopp der Globalisierung, NEIN zu ELGA, Datenschutz, Grundeinkommen-um nicht mehr erpressbar zu sein, erneuerbare Ressourcen, mehr Zeitwohlstand durch weniger Arbeitszeit, effektive Armutsbekämpfung, Gemeinwohlökonomie, Vermögenssteuern, Ende der Supermärkte, die Bauern unterdrücken, Mitarbeiter ausbeuten, Gift und Gene verhökern, Ende der industriellen Nahrungsmittelproduktion, Ende der SVA in ihrer jetzigen, ungerechten Form, die sich auch noch Verzugszinsen von rd. 6% auf fast 9% anheben traut, Ende der GIS, freies Internet für alle und und und. WELCHE PARTEI BITTESCHÖN? Danke

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Werner Heuser am 18.8.2012 um 14:52:53:
Rasch geht da leider gar nichts, aber wehren müssen wir uns schon. Durch Demos, wo wir sichtbar werden, durch Medienkontakte, durch Rechtsberatung zivilen Ungehorsam und indem wir Parteien wählen die uns wirkich vertreten.

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Heimo H. am 18.8.2012 um 13:06:04:
Kann mir bitte jemand erklären, wie wir uns hier konkret, rasch und effektiv wehren können???

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Margit Raubek am 18.8.2012 um 12:07:13:
Die Wohn- und Mietverhältnisse in Wien sind inzwischen ein Skandal. So darf es nicht weitergehen. Wir müssen uns alle wehren.

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Incroyable am 17.8.2012 um 14:26:07:
Unglaublich, was da am Wohnungsmarkt abläuft! Warum liest man darüber nirgendwo etwas?!?!

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